Kandis

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Kandis (Deutsch)[Bearbeiten]

Substantiv, m[Bearbeiten]

Kasus Singular Plural
Nominativ der Kandis
Genitiv des Kandis
Dativ dem Kandis
Akkusativ den Kandis
[1] weißer Kandis
[1] brauner Kandis

Veraltete Schreibweisen:

Candis

Worttrennung:

Kan·dis, kein Plural

Aussprache:

IPA: [ˈkandɪs]
Hörbeispiele: —

Bedeutungen:

[1] weißer oder brauner Zucker, der an (gezwirnten) Fäden brockenweise auskristallisiert ist

Herkunft:

Der Begriff »Kandis« entstammt ursprünglich altindisch खण्डकः (khaṇḍakaḥ) → sa (mittelindisch खण्ड (khaṇḍa) → pra) ‚(ein) Zucker‘, das seinerseits wohl eine Ableitung von einem älteren khanda-Gebrochenes, Teil, Stück‘ ist. Er erscheint etwa im 4. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung, also zu der Zeit, als es den Indern als ersten gelang, Zucker aus eingekochtem Zuckerrohrsaft herzustellen.[1][2]
Die Araber, die den Zucker ab dem 7. Jahrhundert durch Perser und Inder kennenlernten, übernahmen das indische Wort in der Form قَنْد‎ (DMGqand) →ar[3] als Bezeichnung für eine Zuckerart (einigen Quellen zufolge ‚Zuckerrohr[4]; Rohrzucker[3][4][5][6]‘).[1] Dabei ist es ungeklärt, ob das arabische Wort jemals die Bedeutung ‚Kandis‘ gehabt hatte, da die übliche Bezeichnung für »Kandiszucker« wie es scheint das für die Mitte des 10. Jahrhundert belegte نَبَات أَلسُّكَّر‎ (DMGnabāt as-sukkar) →arPflanze des Zuckers[7] (auch سُّكَّر أَلنَّبَات‎‎ (DMGsukkar an-nabāt) →ar[8] oder سُّكَّر نَبَات‎‎ (DMGsukkar nabāt) →ar[9]) gewesen war, in der wohl auch bildlich die Herstellung des Kandiszucker konnotiert ist: durch langsames Wachsen der Kristalle aus einer konzentrierten Zuckerlösung.[1]
Ab dem 11. Jahrhundert wurde der Zucker der Araber in Europa allmählich eingeführt, wobei auch einige der arabischen Bezeichnungen für Zuckerarten übernommen wurden.[10] In einer vermutlich aus dem 13. Jahrhundert stammenden Schrift für Augenheilkunde wird nabet-Pulver mit altprovenzalisch [[:succre candi#succre candi (Symbol support vote.svg Pro)|succre candi]] → pro[[Kategorie:Übersetzungen (Symbol support vote.svg Pro)]] (aus Alexandria) wiedergegeben; Mitte des 13. Jahrhunderts sind altfranzösisch sucre candi → fro beim Arzt Aldobrandino von Siena und ab Ende des 14. Jahrhunderts italienisch chandi → it sowie zahlreiche mittellateinische Formen wie succurum candidum → la, succurcandi → la[11] und so weiter belegt.[10] Die zumeist auftretende Endung -i wird oft auf ein arabisches Adjektiv qandī zurückgeführt, welches jedoch nirgends bezeugt ist.[10] Es kann daher gut möglich sein, das die Form auf ein mittellateinisches Genitiv-i zurückgeht.[10] Ebenso könnten volksetymologische Anlehnungen an lateinisch candidus → laweiß‘ und ab Mitte des 15. Jahrhunderts an Candia → vec, dem venezianischen Namen für Kreta (wohl aus arabisch خَنْدَق‎ (DMGḫandaq) →arFestungsgraben[12]), als eine der Herkunftsregionen mitgewirkt haben.[10] Im Deutschen ist das Wort ab dem 15. Jahrhundert in verschiedenen frühneuhochdeutschen Formen wie zocker candith[6], zuckerkandi(t)[11] und so weiter bezeugt, die, dem Importweg entsprechend, auch noch von italienisch zucchero candíto → it (Ende des 15. Jahrhunderts) beeinflusst sein könnten.[10]
Etwa ab dem 13. Jahrhundert scheint das Wort die Bedeutung ‚Kandis‘ erhalten zu haben; in Valencia gab es angeblich um 1250 ein Verbot, Talismane (siehe »Talisman«) oder sucre candi → it vor Gericht mitzubringen: Wie es scheint wurde Kandiszucker wegen seiner Ähnlichkeit zu Edelsteinen, denen magische Kräfte zugesprochen wurden, geschätzt. Die Tatsache, das die Kristalle des Kandiszuckers umso durchsichtiger werden, je reiner der Zucker ist, dürfte seine Wertschätzung ebenfalls gesteigert haben: Der Botaniker Hieronymus Bock kritisierte um 1550, wie viele Humanisten, die Verwendung der teuren Drogen und Gewürze aus dem Orient (siehe »Sandelholz«) und empfahl deshalb als Arznei statt des „frembden … Zucker[s]“ generell den „guten … Teutschen Honig“; am „Zucker Candi / Candum / oder Candidum“ wollte er aber ausdrücklich festhalten.[13]
Der deutsch-schweizerische Arzt Paracelsus entwickelte aus diesen frühneuhochdeutschen Formen für »Kandis« um 1526 das Verb kandiren, um das Auskristallisieren einer Zuckerlösung zu bezeichnen.[14][15] Etwa dieselbe Bedeutung hat auch das wohl unabhängig davon aus französisch candi → fr entstandene Verb candir → fr (1595).[14] Es hat den Anschein, dass die moderne Wortbedeutung, die ein mit ziemlicher Gewissheit von den Arabern übernommenes Verfahren bezeichnet – und zwar Früchte und anderes in einer konzentrierten Zuckerlösung mit Zucker zu überziehen, um sie zu konservieren (vergleiche »Sirup«) – erstmals 1682 in dem neuhochdeutschen Verb candiren belegt ist; aus candisiren, einer Nebenform, entstand dann vermutlich die neuhochdeutsche Form »Kandis« (ab 1715) mit auslautendem -s.[14] In Anlehnung an candiren ist der Konditor (aus lateinisch condire → laeinmachen, würzen‘) übrigens im 18. Jahrhundert gelegentlich auch Kanditor genannt worden[16].[14]

Synonyme:

[1] Kandiszucker; landschaftlich: Kandelzucker, Zuckerkand, Zuckerkandel, Zuckerkandis

Sinnverwandte Wörter:

[1] Kristallzucker

Oberbegriffe:

[1] Saccharose, Zucker

Unterbegriffe:

[1] Fadenkandis, Kandisfarin, Kluntje, Grümmelkandis/Krümelkandis, Stangenkandis, Würfelkandis

Beispiele:

[1] Bitte bringen Sie mir Kandis zu meinem Tee.
[1] „Gourmets mischen den Stoff in aromatische Suppen oder (in der Pfanne) unter Kandis, backen Hasch-Plätzchen, Hasch-Florentiner oder gar eine Haschisch-Schokoladentorte.“[17]
[1] „Das ‚Kopje mit´n Kluntje un Room drin‘ (Täßchen Tee mit Kandis und Rahm) ist hier das Symbol einer rauhbeinig-charmanten Gastfreundschaft. ‚Nach alter friesischer Tradition übergießt man zuerst das obligatorische Stückchen Kandis mit dem heißen Tee und legt dann den Rahm obenauf‘, erklärt die Wirtin einer Konditorei in Wyk auf Föhr.“[18]
[1] „Das fertige Produkt war kein zu Tode raffinierter Süßstoff, sondern honigfarbener Kandis.[19]
[1] „Für Zucker ist auch gesorgt: Es gibt Würfelzucker, Kandis, einen Zuckerstreuer und Süßstoff.“[20]

Wortbildungen:

[1] kandieren (→ Kandierung)
[1] Kandelzucker, Kandisstick, Kandiszucker, Zuckerkand, Zuckerkandel, Zuckerkandis


Übersetzungen[Bearbeiten]

? Referenzen und weiterführende Informationen:

[1] Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Deutsches Universalwörterbuch. 6. Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2007, ISBN 978-3-411-05506-7, Seite 924.
[1] Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter. 4. Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2007, ISBN 978-3-411-04164-0, Seite 685.
[1] Renate Wahrig-Burfeind (Hrsg.): Wahrig, Fremdwörterlexikon. 4. Auflage. Bertelsmann Lexikon-Verlag, Gütersloh/München 2001, ISBN 978-3-577-10603-0, Seite 440.
[*] wissen.de – Wörterbuch „Kandis
[1] wissen.de – Lexikon „Kandis
[1] Wikipedia-Artikel „Kandis
[1] Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache „Kandis
[*] canoo.net „Kandis
[*] Uni Leipzig: Wortschatz-LexikonKandis
[1] The Free Dictionary „Kandis
[*] Online-Wortschatz-Informationssystem Deutsch „Kandis
[1] Rheinisches Wörterbuch „Kandis
[1] Pierer’s Universal-Lexikon „Kandis“, Band 19, 1865, Seite 858.
[1] Brockhaus’ Kleines Konversations-Lexikon (51911) „Kandis“, 5. Auflage, Band 1, 1911, Seite 927.
[1] Meyers Großes Konversationslexikon „Kandis“ (Wörterbuchnetz), „Kandis“ (Zeno.org)

Quellen:

  1. 1,0 1,1 1,2 Andreas Unger, unter Mitwirkung von Andreas Christian Islebe: Von Algebra bis Zucker. Arabische Wörter im Deutschen. Reclam, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-15-010609-9, DNB 979253837, Seite 122.
  2. Sylvia Powels: Zur Etymologie des Wortes „Zucker“ und seiner Verwendung bei den Indern, Persern und Arabern. In: Marcel Erdal, Werner Arnold, Martin Maiden, Yaron Matras, with the editorial assistance of Ingeborg Hauenschild (Hrsg.): Mediterranean Language Review. Ausgabe 4–5, Harrassowitz, Wiesbaden 1989, ISBN 978-3-447-08739-1, Seite 12f.
  3. 3,0 3,1 Edward William Lane: Arabic-English Lexicon. In Eight Parts. Frederick Ungar Publishing Co., New York 1955–56, Seite 2567. (Online abrufbar unter http://www.studyquran.org/LaneLexicon/Volume7/V7.zip [236.2MB !]).
  4. 4,0 4,1 Friedrich Kluge, bearbeitet von Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 978-3-11-017473-1, DNB 965096742, Seite 465.
  5. Nabil Osman (Hrsg.): Kleines Lexikon deutscher Wörter arabischer Herkunft. C.H. Beck, München 1982, ISBN 3-406-08835-X, Seite 63.
  6. 6,0 6,1 Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 8. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005, ISBN 3-423-32511-9, Seite 614.
  7. C. Barbier de Meynard, Pavet de Courteille (Hrsg.): al-Masʿūdī (Maçoudi): Kitāb Murūǧ aḏ-ḏahab. Band VII, Paris 1861–77, Seite 170. (Online abrufbar unter http://www.archive.org/stream/lesprairiesdor07masuuoft#page/170/mode/2up).
  8. Hans Wehr, unter Mitwirkung von Lorenz Kropfitsch: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. 5. Auflage. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1985, ISBN 3-447-01998-0, DNB 850767733, Stichwort »سكر‎«, Seite 581 sowie Stichwort »نبات‎«, Seite 1059.
  9. Edward William Lane: Arabic-English Lexicon. In Eight Parts. Frederick Ungar Publishing Co., New York 1955–56, Stichwort »نَبَاتً‎«, Seite 2754. (Online abrufbar unter http://www.studyquran.org/LaneLexicon/Volume8/V8.zip [246.7MB !]).
  10. 10,0 10,1 10,2 10,3 10,4 10,5 Andreas Unger, unter Mitwirkung von Andreas Christian Islebe: Von Algebra bis Zucker. Arabische Wörter im Deutschen. Reclam, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-15-010609-9, DNB 979253837, Seite 122–123.
  11. 11,0 11,1 Friedrich Kluge, bearbeitet von Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 978-3-11-017473-1, DNB 965096742, Stichwort »Zuckerkand(el)«, Seite 1017.
  12. Hans Wehr, unter Mitwirkung von Lorenz Kropfitsch: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. 5. Auflage. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1985, ISBN 3-447-01998-0, DNB 850767733, Stichwort »خندق‎«, Seite 366.
  13. Andreas Unger, unter Mitwirkung von Andreas Christian Islebe: Von Algebra bis Zucker. Arabische Wörter im Deutschen. Reclam, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-15-010609-9, DNB 979253837, Seite 123.
  14. 14,0 14,1 14,2 14,3 Andreas Unger, unter Mitwirkung von Andreas Christian Islebe: Von Algebra bis Zucker. Arabische Wörter im Deutschen. Reclam, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-15-010609-9, DNB 979253837, Seite 123–124.
  15. Karl-Heinz Weimann: Paracelsus und der deutsche Wortschatz. In: Ludwig Erich Schmitt (Hrsg.): Deutsche Wortforschung in europäischen Bezügen. Band 2, Schmitz, Gießen 1963, Seite 394.
  16. Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, digitalisierte und aufbereitete Ausgabe basierend auf der 2., im Akademie-Verlag 1993 erschienenen Auflage. Stichwort „Konditor“.
  17. „RAUCHE PUR, MEIDE DAS GEFÄHRLICHE NIKOTIN“. Zubereitung und Genuß von Haschisch. In: Spiegel Online. Nummer 46, 10. November 1969, ISSN 0038-7452, Seite 90 (PDF, URL, abgerufen am 19. April 2011).
  18. Moritz Dzikowski: Am liebsten mit Kandis und Rahm. In: Berliner Zeitung Online. 23. Januar 1998, ISSN 0947-174X (URL, abgerufen am 19. April 2011).
  19. Katja Nele Bode: Drei Stück Kandis. In: FOCUS Online. Nummer 6, 5. Februar 2001, ISSN 0943-7576, Seite 162 (Zitiert nach http://www.focus.de/magazin/archiv/jahrgang_2001/ausgabe_6/, URL, abgerufen am 19. April 2011).
  20. Hanna Haag: Kost nix is’ was. In: taz.de. 12. Januar 2006, ISSN 1434-2006 (URL, abgerufen am 19. April 2011).

Ähnliche Wörter:

Kande, Kandidus, Kandys, Kanti