einen Türken bauen

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einen Türken bauen (Deutsch)[Bearbeiten]

Redewendung[Bearbeiten]

Der „Schachtürke“

Worttrennung:

ei·nen Tür·ken bau·en

Aussprache:

IPA: [ˌaɪ̯nən ˈtʏʁkn̩ ˈbaʊ̯ən]
Hörbeispiele: —

Bedeutungen:

[1] umgangssprachlich, oft als diskriminierend empfunden[1]: in Täuschungsabsicht jemandem gegenüber einen Sachverhalt als real, wahr darstellen

Herkunft:

[1] Der Ursprung dieser Wendung ist nicht eindeutig zu bestimmen. Es gibt dazu mehrere Varianten:
Variante 1: Bei der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Kanals (heute Nordostseekanal) durch Kaiser Wilhelm II. wurde für jeden anwesenden Abgesandten eines Staates die jeweilige Nationalhymne gespielt. Als türkische Würdenträger ankamen, spielte man, da niemand die Noten der türkischen Hymne kannte, notgedrungen das Lied „Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin“.[2]
Variante 2: Im Zeitalter des Rokoko baute Johann Wolfgang Ritter von Kempelen de Pázmánd einen Automaten, an dem eine an einem Schachtisch stehende Puppe angebracht war, die wegen ihrer orientalischen Kleidung „Türke“ genannt wurde. Der Automat gewann im Schachspiel sogar gegen berühmte Meister. Später stellte sich heraus, dass die Puppe keineswegs selbst dachte, sondern dass ein im Innern der Konstruktion verborgener Mensch sie steuerte.[3][4]
Variante 3: Möglicherweise stammt die Wendung auch aus der Militärsprache. Hierzu gibt es wiederum mehrere unterschiedliche Theorien. U. a. wird vermutet, dass sich einen Türken bauen von Militärübungen in der Tempelhofer Feldmark zur Zeit Friedrich Wilhelms IV. herleitet. Auf besagtem Areal befand sich damals eine türkische Grabstätte, die für die Gefechtsabläufe von großer Bedeutung war.
Unterstützung findet die Annahme, die Wendung stamme aus dem Militärbereich, auch durch das schweizerische Wort Türgg (Manöver, Übung des Heeres).[5]
Version 4: Die vom 15. bis 17. Jahrhundert verbreitete Furcht vor den Türken wurde für die Erhebung immer neuer Steuern zur Finanzierung eines vermeintlich in Planung befindlichen Feldzuges wider jenes Volk ausgenutzt. Das eingenommene Geld wurde dann jedoch anders verwendet.[6]
Überdies gibt es Spekulationen, die die Wendung einen Türken bauen mit dem französischen Ausdruck tête de turc (wörtlich: Kopf des Türken, übertragen: Prügelknabe, Sündenbock) in Verbindung bringen.[7]

Synonyme:

[1] veraltet: einen Türken stellen

Beispiele:

[1] Ich glaube ja, deine Kollegen haben einen Türken gebaut, als sie dir von ihren spottbilligen Ferien in Luxushotels an der Côte d’Azur erzählt haben.

Übersetzungen[Bearbeiten]

Referenzen und weiterführende Informationen:

[1] Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion, Annette Klosa u. a. (Herausgeber): Duden, Deutsches Universalwörterbuch. 4. Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2001, ISBN 3-411-05504-9 „einen Türken bauen“, Seite 1616
[1] Dudenredaktion (Herausgeber): Duden, Redewendungen. Wörterbuch der deutschen Idiomatik. In: Der Duden in zwölf Bänden. 2., neu bearbeitete und aktualisierte Auflage. Band 11, Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2002, ISBN 3-411-04112-9, „einen Türken bauen“, Seite 792

Quellen:

  1. Duden online „Tuerke
  2. Christoph Gutknecht: Von Treppenwitz bis Sauregurkenzeit. Die verrücktesten Wörter im Deutschen. Verlag C.H. Beck oHG, München 2008, ISBN 978-3-406-56833-6 (Originalausgabe), Seite 42 f.
  3. Christoph Gutknecht: Von Treppenwitz bis Sauregurkenzeit. Die verrücktesten Wörter im Deutschen. Verlag C.H. Beck oHG, München 2008, ISBN 978-3-406-56833-6 (Originalausgabe), Seite 43-45
  4. Wikipedia-Artikel „Schachtürke
  5. Christoph Gutknecht: Von Treppenwitz bis Sauregurkenzeit. Die verrücktesten Wörter im Deutschen. Verlag C.H. Beck oHG, München 2008, ISBN 978-3-406-56833-6 (Originalausgabe), Seite 45 f.
  6. Christoph Gutknecht: Von Treppenwitz bis Sauregurkenzeit. Die verrücktesten Wörter im Deutschen. Verlag C.H. Beck oHG, München 2008, ISBN 978-3-406-56833-6 (Originalausgabe), Seite 47
  7. Christoph Gutknecht: Von Treppenwitz bis Sauregurkenzeit. Die verrücktesten Wörter im Deutschen. Verlag C.H. Beck oHG, München 2008, ISBN 978-3-406-56833-6 (Originalausgabe), Seite 47