fragwürdig

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fragwürdig (Deutsch)[Bearbeiten]

Adjektiv[Bearbeiten]

Positiv Komparativ Superlativ
fragwürdig fragwürdiger am fragwürdigsten
Alle weiteren Formen: fragwürdig (Deklination)

Worttrennung:

frag·wür·dig, Komparativ: frag·wür·di·ger, Superlativ: am frag·wür·digs·ten (alte Rechtschreibung: am frag·wür·dig·sten)

Aussprache:

IPA: [ˈfʀaːkˌvʏʁdɪç], Komparativ: [ˈfʀaːkˌvʏʁdɪɡɐ], Superlativ: [ˈfʀaːkˌvʏʁdɪçstn̩]
Hörbeispiele: —, —, —

Bedeutungen:

[1] ursprünglich: zu einer Frage einladend, zu einer Frage herausfordernd
[2] zu Skepsis und Argwohn Anlass gebend

Herkunft:

fragwürdig wurde in der Zeit der Romantik von August Wilhelm Schlegel für seine Übersetzung von William Shakespeares Tragödie „Hamlet“ gebildet.[1] Zuvor war das Wort der deutschen Sprache völlig fremd gewesen. In der Übersetzung diente es dazu, als Notbehelf das englische questionable → en in der Anrede Hamlets an den Geist (I, IV, 43) wiederzugeben:[2]
„Thou comest in such a questionable shape
That I will speak to thee[3]“.
In der deutschen Übersetzung lautet dies:
„Du kommst in so fragwürdiger Gestalt,
Ich rede doch mit dir[4]“.
Hier wird fragwürdig zum ersten Mal in der deutschen Sprache verwendet.[1] questionable → en kommt in dieser Passage die Bedeutung ‚zu einer Frage herausfordernd‘ zu und dies war auch zunächst die Bedeutung von fragwürdig.[2]
Bildungen mit der Endung -able, die über das Französische auf das lateinische habilis → lafähig, tauglich, geeignet‘ zurückgeht, sind im Englischen seit mittelenglischer Zeit weit verbreitet.[2] -able kann dabei die Bedeutungen ‚fit for doing‘ und ‚fit for being done‘ haben.[2] Im Deutschen werden diese Bildungen ganz unterschiedlich wiedergegeben (als Beispiele: comparable → envergleichbar; profitable → envorteilhaft; comfortable → enbehaglich).[2] Als Vorbilder für Schlegels Übersetzung von -able mit -würdig könnten aber Fälle wie blamable → entadelnswert, tadelnswürdig‘ oder damnable → enverdammenswert, verdammungswürdig‘ gedient haben.[2]
Dass sich die Bedeutung von fragwürdig in der Folgezeit sehr rasch von ihrem ursprünglichen Sinn hin zu dem heute fast allein maßgeblichen Verständnis ‚zweifelhaft, verdächtig‘ wandelte, zeigt schon ein Blick in das Grimmsche Wörterbuch:[2] Im Eintrag „fragwürdig“ ist als Bedeutungsangabe „dubius, zweifelhaft, verdächtig, unsicher?“ zu lesen. Das Fragezeichen dahinter ist ein Hinweis darauf, dass dem Bearbeiter die Bedeutungswandlung des Wortes seltsam vorkam.[5] Diese Wandlung lässt sich wahrscheinlich mit den gedanklichen Strömungen während der Epoche der Romantik erklären: Alles Bisherige wurde skeptisch in Frage gestellt und geriet daraufhin ins Schwanken.[6] fragwürdig dürfte im Zuge dieser Entwicklung als Beschreibung für etwas Dubioses und Fragliches entweder missverstanden oder einfach angewendet worden sein und erhielt so seine neue Bedeutung.[7]

Sinnverwandte Wörter:

[2] verdächtig, zweifelhaft, zweifelerweckend, zwielichtig

Beispiele:

[1] Taxifahrer kennen sich in ihrer Stadt sehr gut aus und sind deswegen sehr fragwürdige Auskunftspersonen, wenn man eine bestimmte Straße sucht.
[1] „Die erste fragwürdige Person, auf die man achtet, weil so viel von ihr abhängt, ist in Paris, so oft man miethet, der Portier; hat aber der Portier eine Tochter und ist man selbst nicht viel mehr als zwanzig Jahre alt, so ist diese Tochter noch bei weitem fragwürdiger und wird vor Allem ihr die Aufmerksamkeit des Miethsmannes zugewendet.“[8]
[2] Diese Einladung kommt mir mehr als fragwürdig vor.
[2] Heiner ist ein Mann von fragwürdigem Charakter. Man hat immer den Eindruck, er habe etwas zu verbergen.
[2] Dies ist ein Pullover von höchst fragwürdiger Qualität.
[2] Herr Meier ist ein Mitarbeiter mit äußerst fragwürdigen Qualitäten. So richtig versteht niemand, warum er eingestellt wurde.
[2] Es ist ziemlich fragwürdig, welchen Wert diese Untersuchung haben soll.
[2] Deine Tätigkeit hier ist von fragwürdigem Nutzen.

Wortbildungen:

[1, 2] Fragwürdigkeit

Übersetzungen[Bearbeiten]

Referenzen und weiterführende Informationen:

[1, 2] Müller-Seedorf, Günther: »Fragwürdig« – Zu Ursprung und Geschichte eines vielgebrauchten deutschen Wortes, in: Muttersprache 77 (1967), Seite 366–371
[1, 2] Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 8. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005, ISBN 3-423-32511-9, unter „Frage“, Seite 369
[2] Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache „fragwürdig
[2] canoo.net „fragwürdig
[2] Uni Leipzig: Wortschatz-Lexikonfragwürdig

Quellen:

  1. 1,0 1,1 Günther Müller-Seedorf: »Fragwürdig« – Zu Ursprung und Geschichte eines vielgebrauchten deutschen Wortes. In: Muttersprache. (77) 1967, Seite 366.
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 Günther Müller-Seedorf: »Fragwürdig« – Zu Ursprung und Geschichte eines vielgebrauchten deutschen Wortes. In: Muttersprache. (77) 1967, Seite 367.
  3. The Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark
  4. Hamlet
  5. Günther Müller-Seedorf: »Fragwürdig« – Zu Ursprung und Geschichte eines vielgebrauchten deutschen Wortes. In: Muttersprache. (77) 1967, Seite 367 f.
  6. Günther Müller-Seedorf: »Fragwürdig« – Zu Ursprung und Geschichte eines vielgebrauchten deutschen Wortes. In: Muttersprache. (77) 1967, Seite 368 f.
  7. Günther Müller-Seedorf: »Fragwürdig« – Zu Ursprung und Geschichte eines vielgebrauchten deutschen Wortes. In: Muttersprache. (77) 1967, Seite 369.
  8. Moritz Hartmann: Nach der Natur, Zweiter Band, Stuttgart 1866, S. 173