Winkeljournalist

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Winkeljournalist (Deutsch)[Bearbeiten]

Substantiv, m[Bearbeiten]

Singular

Plural

Nominativ der Winkeljournalist

die Winkeljournalisten

Genitiv des Winkeljournalisten

der Winkeljournalisten

Dativ dem Winkeljournalisten

den Winkeljournalisten

Akkusativ den Winkeljournalisten

die Winkeljournalisten

Worttrennung:

Win·kel·jour·na·list, Plural: Win·kel·jour·na·lis·ten

Aussprache:

IPA: [ˈvɪŋkl̩ʒʊʁnaˌlɪst]
Hörbeispiele:

Bedeutungen:

[1] veraltend, pejorativ: ein ungelernter und/oder schlechter und/oder denunzierender Journalist

Synonyme:

[1] Schmock, Winkelschreiber, Winkelredakteur

Gegenwörter:

[1] Qualitätsjournalist

Oberbegriffe:

[1] Journalist

Beispiele:

[1] „Sie ziehen vor, die sieben Leidensstationen, welche Sie sonst auf der heiligen Treppe in Rom auf den Knieen abrutschen könnten, lieber zehnfach abzuknien vor irgend einem Intendanten, der Ihnen übermüthig begegnet, wenn gleich er so gut als nichts zahlt, bis zu irgend einem Winkeljournalisten hinab oder hinauf, der unverschämt gegen Sie ist, weil Sie ihm nichts zahlen wollen.“[1]
[1] „Die Schauspieler und Schauspielerinnen, Sänger und Sängerinnen, Tänzer und Tänzerinnen endlich werden unter solchen Umständen stets alle Mittel in Anwendung bringen, in die Gunst des Publikums zu kommen und sich in derselben zu erhalten. Der günstigere Erfolg, dessen sich die Einen zu erfreuen haben, wird die Anderen stets neidisch und eifersüchtig machen, und in solchem Falle werden Intriguen und Kabalen, in Verbindung mit dem unsauberen Treiben der Winkeljournalisten, die unausbleibliche Folge sein, ganz so, wie es bisher fast überall der Fall gewesen ist.“[2]
[1] „Nach vergeblichen Versuchen für seine lyrischen Gedichte, unter denen — sie sind später im Druck erschienen — so manche hübsche Lieder sind, einen Verleger zu finden, sträubte er [Henri Murger] sich lange Zeit mit der Kraft und Ausdauer einer Natur, welche fühlt, dass sie zu Besserem bestimmt ist, gegen die Erniedrigung seines Talents zum bloßen Erwerb ohne höheren Zweck, musste sich endlich aber doch der Notwendigkeit beugen und seine Feder und einen Teil seiner Zeit in den Dienst der Winkeljournalisten geben, nur um sein Leben zu fristen.“[3]
[1] „Mitten unter den ehrlichen Leuten, am hellen Tage gehen diese Dirnen freche Blicke umher werfend, mit ihrer Gemeinheit prahlend, in einem herausfordernd schreienden, geschmacklos die Mode übertreibenden Aufzuge einher, ein Gegenstand des schreiendsten Ärgernisses, der, sollte man meinen, jedes anständige weibliche Wesen diese Straßen zu vermeiden zwingen würde, wenn es hier nicht bereits zur Gewohnheit geworden wäre, welche das anständige Publikum sich in phlegmatischer Ruhe gefallen läßt, weil einige Winkeljournalisten in ihren Käseblättchen den Trost geben, in anderen »Großstädten« sei es auch nicht anders.“[4]
[1] „Allein mit den strengsten Prüfungen wäre nichts gewonnen, weil der Charakter sich nicht prüfen lässt, und weil es unmöglich sein würde, allen Unbefugten, allen Winkeljournalisten nachzuspüren und das Handwerk zu legen, welches auf den Namen Befugter betrieben werden könnte.“[5]
[1] „Um diese Zeit war es, als die vornehmen Frondeurs der liberalen Doctrin den rohen Ausfällen und schmutzigen Witzen eines Winkeljournalisten, Namens Henry Rochefort, beifällig zulächelten und der geistreichen Erfindung eines jungen Winkeladvocaten, Namens Gambetta, dem sogenannten »Unversöhnlichkeitsprinzip« Beifall klatschten, ohne zu bedenken, daß man nie ungestraft zu solchen Bündnissen hinabsteigt.“[6]
[1] „Statt von dem anderen zu lernen, blickt der jüngste Leutnant mit Geringschätzung auf die führenden Geister moderner Literatur herab, während der letzte Winkeljournalist für hervorragende Offiziere nur überlegene Verachtung empfindet.“[7]
[1] „Es möchte nicht ganz unpassend für uns junge Schweizer sein, wenn wir in einer Zeit, wo man angefangen hat, unsere Nationalität zu bestreiten, wo man uns geistig zwingen will, unser Vaterland nicht als helvetisches, sondern als deutsches, als französisches, als italienisches zu lieben, wo jeder fade, lumpige Winkeljournalist des Auslandes sich herrausnimmt, über die Schweiz einen Mist herzuschwatzen, der von nichts als von der lichtscheuen Unwissenheit derselben zeugt, wo in jeder Kaffernzeitung die Schweiz und ihre inneren Einrichtungen verhöhnt werden, […]“[8]
[1] „Er [Karl Kraus] behauptet, Moriz Benedikt, der Herausgeber der angesehensten Wiener Tageszeitung vor dem ersten Weltkrieg, sei ein Winkeljournalist gewesen: Er hat also keine Ahnung.“[9]
[1] „Aloys Hofmann (1746-1806): berüchtigter Denunziant und Winkeljournalist aus Wien, gab 1792 die »Wiener Zeitung« heraus, in der er versteckt und offen gegen die aufklärerischen Tendenzen und Ideen der Revolutionszeit zu Felde zog.“[10]
[1] „Aber die Anklage lautet nicht auf Mord. Sie lautet auf »Veröffentlichung falscher, übertriebener und tendenziöser Nachrichten, die geeignet sind, die öffentliche Ordnung zu stören«, und auf der Anklagebank nimmt nicht die italienische Gesellschaft Platz, sondern der Winkeljournalist Silvano Muto.“[11]
[1] „Gerührt gedenke ich des Mathematiklehrers P. Anselm Senn. Ohne ihn wäre ich vielleicht ein Winkeljournalist geworden, da ich anderswo die Matura nie hätte bestehen können.“[12]
[1] „Nehmen wir an es gelänge, einen Direktor zu bestimmen, daß er Sie engagiert, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß drei Wochen später irgend ein Winkeljournalist die nationalen Fanfaren gegen sie bläst, und dann wird man ihnen unter vier Augen alles Mögliche versichern, wird bedauern, wird beklagen, aber Niemand, Niemand, Niemand in ganz Deutschland wird den Mut haben für Sie auch nur das leiseste Wort der Verteidigung zu sagen, vor dem Nationalismus sind alle so sinnlos feig!“[13]
[1] [Schmock] „Dessen Name hat sich bis heute als Schimpfwort für einen ›Winkeljournalisten‹ gehalten, der nur inhaltsleeres (›verschmocktes‹) Geschwätz von sich gibt und sich an der herrschenden Meinung auszurichten pflegt.“[14]

Wortbildungen:

Winkeljournalismus

Übersetzungen[Bearbeiten]

Referenzen und weiterführende Informationen:
Quellen:

  1. J. E. Mand (d.i. Carl Goldschmidt): Der verrückte Professor. Einleitendes Vorspiel, in: Dramatisches, Band 1, Carl Herrmann Jonas, Berlin 1834, S. xcv-xcvi Google Books
  2. Heinrich Alt: Theater und Kirche in ihrem gegenseitigen Verhältniss, Plahn Buchhandlung (L. Nitze), Berlin 1846, S. 33 Google Books
  3. C. Ploetz (Charlottenburg): Henri Murger. Eine literarische Skizze, in: Berliner Gesellschaft für das Studium der neuren Sprachen (Hrsg.): Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, Band 31, Westermann, 1862, S. 414 Google Books
  4. Karl Theodor Gabriel Christoph Perfall (Freiherr von): Münchener Bilderbogen, Höpfner, 1878, S. 139 Google Books
  5. In tyrannos! in: Johannes Grunow (Hrsg.): Die Grenzboten, Band 41, F.L. Herbig, Leipzig 1882, Teil 3, S. 436 Google Books-USA*
  6. Karl Hillebrand: Frankreich und die Franzosen in der zweiten Hälfte des XIX Jahrhunderts (Band 1 von Zeiten, Völker und Menschen), 3. Auflage, R. Oppenheim, 1879, S. 254 Google Books-USA*
  7. Richard Nikolus Coudenhove-Kalergi: Adel, Der Neue Geist, Leipzig 1922, S. 10 Internet Archive
  8. Gottfried Keller: Vermischte Gedanken über die Schweiz, in: Clemens Heselhaus (Hrsg.): Gottfried Keller, Carl Hanser Verlag, München 1958; Lizenzausgabe für die Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt, 3. Auflage 1972, S. 1023 Google Books
  9. Helmut Arntzen: Literatur und Presse: Karl Kraus und die Presse (Band 1 von Literatur und Presse) W. Fink, 1975, S. 71
  10. Jean Paul (Autor), Norbert Miller (Hrsg.): Kleinere erzählende Schriften, 1796-1801 (Band 4 von Werke), C. Hanser, 1962, S. 1161
  11. Hans Magnus Enzensberger: Politik und Verbrechen. Neun Beiträge (Band 442 von Suhrkamp Taschenbücher. Allgemeine Reihe), Suhrkamp, 1978, S. 190
  12. Linus Birchler: Meine Erzieher, in: Gedenkschrift zum 100. Geburtstag von Linus Birchler, 1893-1967: Erinnerungen an LB (Band 13 von ID (Zürich, Schweiz)), vdf Hochschulverlag AG, 1993, ISBN 3-7281-1838-9, S. 15 Google Books
  13. Brief von Hermann Bahr an Jaroslav Kvapil, Lido, 22. Juni 1914, in: Kurt Ifkovits (Hrsg.): Hermann Bahr - Jaroslav Kvapil: Briefe, Texte, Dokumente (Band 11 von Österreichische Literatur Im Internationalen Kontext, Band 11 von Wechselwirkungen (Bern)), Peter Lang, 2007, ISN 3-03910-990-1, S. 157 Google Books
  14. Claudia Stockinger: Das 19. Jahrhundert: Zeitalter des Realismus, Akademie Verlag, 2010, ISBN 305004540X, S. 204 Google Books

Ähnliche Wörter (Deutsch):

ähnlich geschrieben und/oder ausgesprochen: Winkelbordell, Winkeladvokat, Winkelschreiber, Winkelarzt