über den Jordan gehen

Aus Wiktionary, dem freien Wörterbuch
Zur Navigation springen Zur Suche springen

über den Jordan gehen (Deutsch)[Bearbeiten]

Redewendung[Bearbeiten]

Worttrennung:

über den Jor·dan ge·hen

Aussprache:

IPA: [ˌyːbɐ deːn ˈjɔʁdan ˌɡeːən]
Hörbeispiele: Lautsprecherbild über den Jordan gehen (Info)

Bedeutungen:

[1] sein Leben verlieren, ums Leben kommen; sterben
[2] sich entfernen und aus dem Blickfeld geraten; etwas selbstverschuldet oder durch ungünstige Umstände nicht halten oder bewahren können
[3] schadhaft werden, stückweise auseinanderfallen; (wirtschaftlich) zugrunde gehen

Herkunft:

Einer Quelle zufolge soll die Redensart vielleicht vom englischen Ausdruck Jordan passed → en ‚Death completed, Heaven attained‘[1] beeinflusst worden sein[2]; wenngleich sich die Frage stellt, wieso ausgerechnet von dieser, wo doch die Redensart to cross over Jordan → en ‚To die and enter heaven‘[3] näherläge? Ungeachtet dessen scheint sich die deutsche Redensart in der ehemaligen (linken) Jugendszene einer gewissen Beliebtheit erfreut zu haben.[2] Ulrich Plenzdorf zitiert in seiner 1973 erschienenen Erzählung »Die Leiden des jungen W.« seinen jugendlichen Helden Edgar Wibeau, der durch Stromschlag ums Leben kam, mit einer Bemerkung aus dem Jenseits[2]: „Daß ich dabei über den Jordan ging, ist echter Mist. Aber wenn das einen tröstet: Ich hab nicht viel gemerkt. 380 Volt sind kein Scherz, Leute. Es ging ganz schnell. Ansonsten ist Bedauern jenseits des Jordan nicht üblich.“[4]
Der Fluss Jordan in Palästina schied die Wüste von dem Land[2], das den Israeliten versprochen worden war[2][5][6][7] und von ihnen mit dem Reich des Himmels verglichen wurde[2][5][6]. So wurde der Fluss zum christlichen Styx[2], besonders in der Literatur des Pietismus[2][5][6]. Der Übergang über den Jordan ist gleichbedeutend mit dem Einzug ins verheißende Land des Friedens[2][5][6] und wurde damit zum Symbol des Sterbens[5][6] sowie des Lebens nach dem Tod[7]. Der hebräische Name יַרְדֵּן‎ (CHA: yardēn) → he[8] bedeutet wortwörtlich so viel wie ‚Herabsteigen; der Fließende‘.[2]

Synonyme:

[1] gehoben: den Tod finden, den Weg allen Fleisches gehen/den Weg alles Fleisches gehen, ins Grab sinken, jemandes Augen brechen, seinen letzten Seufzer tun, vor Gottes Richterstuhl treten, zu Tode kommen; euphemistisch: (aus diesem Leben, in die Ewigkeit) abberufen werden, den Geist aushauchen/seinen Geist aushauchen, die Seele aushauchen, sein Leben aushauchen/sein Leben vollenden, vom Schauplatz abtreten, (wieder) zu Staub werden
[1] bildungssprachlich, euphemistisch: in das Reich der Schatten hinabsteigen
[1] euphemistisch: die Augen (für immer) schließen/die Augen (für immer) zumachen, seine letzte Reise antreten, in das Reich des Todes eingehen, zur ewigen Ruhe eingehen; ironisch: in die ewigen Jagdgründe eingehen
[1] umgangssprachlich euphemistisch: bei Petrus anklopfen, den letzten Schnaufer tun; besonders bairisch: aufs Totenbrett kommen
[1] familiär, scherzhaft: Sterbchen machen
[1] salopp: den Löffel abgeben/den Löffel fallen lassen/den Löffel hinlegen/den Löffel sinken lassen/den Löffel wegschmeißen/den Löffel wegwerfen, ins Gras beißen; landschaftlich: über die Wupper gehen
[1] derb: den Arsch zukneifen, einen kalten Arsch kriegen
[1] veraltet, euphemistisch: das Zeitliche segnen, zur großen Armee abberufen werden; noch ironisch: den Geist aufgeben/seinen Geist aufgeben
[2] verschwinden; verloren gehen
[2] umgangssprachlich: einen Abgang machen
[3] kaputtgehen
[3] scherzhaft: den Weg alles Irdischen gehen, das Zeitliche segnen
[3] umgangssprachlich scherzhaft: den Geist aufgeben/seinen Geist aufgeben

Sinnverwandte Redewendungen:

[1] sich über den Jordan jagen, über den Jordan sein
[2] vom Schauplatz abtreten, von der Bühne abtreten/von der Bühne verschwinden/die Bühne verlassen

Beispiele:

[1] „Daß ich dabei über den Jordan ging, ist echter Mist.“[4]
[1] „Und wenn du heute Nacht aus Versehen über den Jordan gehst? Ich habe fast reines Heroin […] da passiert das schon mal[…]“[9]
[2] „Nicht nur weil das Unternehmen Facebook sich seit 1. Februar den Profiten der Börse verschrieben hat, auch die Konkurrenz ging sang- und klanglos über den Jordan.[10]
[3] „Auch Festplatten können über den Jordan gehen, wenn man den PC fest genug schlägt, tritt oder umwirft, stellten zahlreiche Nutzer fest.“[11]

Übersetzungen[Bearbeiten]

Referenzen und weiterführende Informationen:
[1, 3] Rudolf Köster: Eigennamen im deutschen Wortschatz. Ein Lexikon. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 978-3-11-017701-5, Stichwort »Jordan«, Seite 83 (Zitiert nach Google Books).
[1, 3] Olga Ejikhine: Beim Wort genommen. Der Sprachführer durch die Welt der Redewendungen. INDICO, Utrecht ©2005, ISBN 978-90-77713-05-1, Seite 208 (Zitiert nach Google Books).
[1, 3] Dudenredaktion (Herausgeber): Duden, Redewendungen. Wörterbuch der deutschen Idiomatik. In: Der Duden in zwölf Bänden. 4., neu bearbeitete und aktualisierte Auflage. Band 11, Dudenverlag, Berlin/Mannheim/Zürich 2013, ISBN 978-3-411-04114-5, Stichwort »Jordan«, Seite 383.
[1] Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (Herausgeber): Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. In zehn Bänden. 3., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. 5. Band Impu–Leim, Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 1999, ISBN 3-411-04783-6, DNB 965408787, Stichwort »Jordan«, Seite 2008.
[2] Heinz Küpper: Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache in 8 Bänden. 4. Band Haut–Kost, Klett, Stuttgart 1983, ISBN 3-12-570140-6, DNB 831065346, Stichwort »Jordan«, Seite 1381.
[2] Heinz Küpper: Wörterbuch der deutschen Umgangssprache. In: Digitale Bibliothek. 1. Auflage. 36, Directmedia Publishing, Berlin 2006, ISBN 3-89853-436-7, Stichwort »Jordan«.
[1] Duden online „über den Jordan gehen
[1] wissen.de – Wörterbuch „Jordan
[1] The Free Dictionary „über den Jordan gehen
[1] Redensarten-Index „über den Jordan gehen

Quellen:

  1. Martin H. Manser, David H. Pickering (Herausgeber): The Facts on File Dictionary of Allusions. Definitions and Origins of More Than 4, 000 Allusions. Facts on File, New York (NY) ©2009, ISBN 978-0-8160-7105-0, Seite 254 (Zitiert nach Google Books).
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 2,7 2,8 2,9 Rudolf Köster: Eigennamen im deutschen Wortschatz. Ein Lexikon. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 978-3-11-017701-5, Stichwort »Jordan«, Seite 83 (Zitiert nach Google Books).
  3. Martin H. Manser, David H. Pickering (Herausgeber): The Facts on File Dictionary of Allusions. Definitions and Origins of More Than 4, 000 Allusions. Facts on File, New York (NY) ©2009, ISBN 978-0-8160-7105-0, Seite 107 (Zitiert nach Google Books).
  4. 4,0 4,1 Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W. 1. Auflage. Hinstorff, Rostock 1973, Seite 16 (Zitiert nach Google Books).
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 Dudenredaktion (Herausgeber): Duden, Redewendungen. Wörterbuch der deutschen Idiomatik. In: Der Duden in zwölf Bänden. 4., neu bearbeitete und aktualisierte Auflage. Band 11, Dudenverlag, Berlin/Mannheim/Zürich 2013, ISBN 978-3-411-04114-5, Stichwort »Jordan«, Seite 383.
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (Herausgeber): Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. In zehn Bänden. 3., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. 5. Band Impu–Leim, Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 1999, ISBN 3-411-04783-6, DNB 965408787, Stichwort »Jordan«, Seite 2008.
  7. 7,0 7,1 Olga Ejikhine: Beim Wort genommen. Der Sprachführer durch die Welt der Redewendungen. INDICO, Utrecht ©2005, ISBN 978-90-77713-05-1, Seite 208 (Zitiert nach Google Books).
  8. מילון כיס דו לשוני עברי-גרמני גרמני-עברי/Zweisprachiges Taschenwörterbuch Deutsch-Hebräisch Hebräisch-Deutsch. כולל תעתיק מלא/Mit vollständiger Transliteration. פרולוג מוציאים לאור בע״מ/Prolog Verlag GmbH, ראש העין (ישראל)/Rosh Haʾayin (Israel) 2006, Stichwort »Jordan«, Seite 145 (deutscher Teil).
  9. Wolfgang Gabel: Fix und fertig. Beltz Verlag, Weinheim 1978, Seite 120.
  10. Mercedes Bunz: Das Recht, vergessen zu werden. In: taz.de. 7. März 2012, ISSN 1434-2006 (URL, abgerufen am 3. August 2013).
  11. Festgenommen: Choleriker erschießt Computer. In: Spiegel Online. 6. März 2003, ISSN 0038-7452 (URL, abgerufen am 3. August 2013).